Toleranz und Selbsterkenntnis

„Wer sich selbst aus toleranten und intoleranten Episoden seines Lebens kennt, weiß, daß Toleranz einem schwierigen Lernprozeß unterliegt“ (Mitscherlich), der egoistische und gewalttätige Verhaltensweisen infrage stellt.

 

Erst durch die Fähigkeit, sich selbst selbstkritisch zusehen und ein unbe-herrschtes Benehmen nicht mehr zuzulassen, hat der Einzelne die Chance, konfliktfreier und verständnisvoller mit seinen Mitmenschen umzugehen.

 

Wer aber durch seine Absolutheitsansprüche sich unbedingt durchsetzen will, ruft Gegenkräfte hervor. Er muß damit rechnen, entweder sofort oder im täglichen Kleinkrieg nachzugeben, wenn er den endgültigen Bruch nicht riskieren will.

 

Nur die Maßgabe, egoistisches Auftreten zu vermeiden, ist die Voraussetzung dafür Wünsche, Neigungen und Fähigkeiten des Anderen wahrzunehmen und zu akzeptieren.

 

Und das heißt, die Dinge aus der Perspektive des Anderen zu sehen, damit sein Befinden und seine Erwartung besser eingeschätzt werden kann. Jeder sieht die Welt mit eigenen Augen, erfaßt sie mit seinem Denken, Wissen und Fühlen, handelt und urteilt auf seine Weise.

 

Wie er Eindrücke und Erfahrungen für sich erarbeitet, was er in sie hineinlegt und beurteilt, entscheidet darüber, ob er selbstkritisch und offen gegenüber anderen mit dieser Problematik umzugehen weiß.

 

Wer tolerant ist, lässt gegensätzliches Denken, fühlen und handeln bestehen und versucht, die im eigenen Umfeld erworbenen Ansichten, Überzeugungen und Vorurteile zu hinterfragen und streng zu prüfen. Denn jede gegensätzliche Sicht, als Angebot betrachtet, führt zu neuen Erkenntnissen und Einsichten. Sie zu mißachten, wäre Dummheit.

 

In einer Zeit, in der sich die Menschen entfremden, in der rigoroses Verhalten und Selbstgerechtigkeit zunehmen und die Achtung vor der Freiheit des Anderen gesichert werden muß, ist es unerlässlich, tolerante Verhaltensweisen einzuüben und menschliche Defizite abzubauen.

 

Ein Mit- und Füreinander zu erwägen, wäre ein erster Ansatz für zwischenmen-schliche Bezüge. Wer sie erreichen und verwirklichen will, wird sich zurück nehmen und lernen, daß tolerante Handlungen auf Verzicht beruhen. Aber Verzicht zu leisten für die Freiheitsräume der Anderen, ist wohl das Schwierigste, das der Einzelne sich abzubringen und für die Toleranz einzu-setzen wagt.

Hier liegt die Ursache dafür, Toleranz als lästig zu empfinden, zu vermeiden und schließlich zu vergessen. Warum jede Generation neu über sie nachzu-denken hat, wird so verständlich.

 

Denn „wo sie nicht herrscht, liegt ein bedrückender Notstand vor. Dann fehlt ein entscheidender Beitrag menschlichen Verhaltens, der ein lebendiges Interesse an der Lebensform anderer Menschen zeigt“ (Mitscherlich).

 

Das zu bedenken, setzt eine tiefe Einsicht und Verantwortung voraus, Toleranz als Sorge um den Anderen zu verstehen.

 

Wird sie auf bloße Duldung, auf ein gerade noch ertragen können und gewähren lassen ausschließlich reduziert, können Gleichgültigkeit, mangelnde Integrationsfähigkeit und ein erhebliches Desinteresse an neuen Erkenntnissen und Zusammenhängen entstehen.

 

Auf Gegenseitigkeit angelegt, kann die Toleranz ein Miteinander auslösen, das die Akzeptanz der Lebensformen aller wahrt und fördert.

 

Wo jedoch Intoleranz sich im Alltäglichen entwickelt, hat Toleranz zu beweisen, daß sie mit einem „schlaffen Verhalten“ nicht zu verwechseln ist.

 

Jeder Angriff auf die Würde und auf Leib und Leben einer Person verletzt unser Rechtsbewusstsein und verlangt Sanktionen, die Staat und Gesellschaft bereit-halten.

 

Die Toleranz kann als Schwäche erscheinen und Gewalt ermutigen, aber auch zur Wahl stellen, ob die negative Form der Goldenen Regel anzuwenden oder zu vermeiden ist: Böses mit Bösem zu vergelten.

 

So bleibt als Aufgabe ein „besonnenes soziales Verhalten“ zu pflegen. Wer es blockiert und auf konstruktive Kritik aus seinem Umfeld nicht mehr reagiert, hat das, was wir Selbsterkenntnis und Erziehung nennen, verfehlt.

 

Er lernt nicht, sich rücksichtsvoll zu verhalten, eigene Grenzen zu erkennen und sein Tun und Lassen aus den ethischen Werten und Normen seiner Kultur zu steuern.

 

Ohne Strenge gegen sich selbst, ohne Güte und Offenheit gegenüber allem Neuen und Fremden ist Toleranz nicht lebbar.

 

Deshalb erreichen sie den Einzelnen nur so weit, wie sich Selbsterkenntnis, konstruktive Kritikfähigkeit und Einfühlungsvermögen in Familie und Gesell-schaft entfalten können.

 

Und das zeigt, wie sehr unser Verhalten von Vorbildern und Regeln unserer Gesellschaft abhängt. Inwieweit sie Zufriedenheit, ein Gefühl für Freiheit und Verantwortung vermitteln und ein Miteinander einsichtig machen, ist am Verhalten aller abzulesen.

 

Wenn gesellschaftliche Gruppen es aber zunehmend unterlassen, auf die Notwendigkeit zwischenmenschlicher Bindungen hinzuweisen und den Zusammenhalt zu fördern, kann kein Mit- und Füreinander entstehen, das den Einzelnen in die Pflicht nimmt.

 

Und weil bestimmte „Rollen- und Handlungsmodelle“ nicht immer hinreichend eingeübt, abgefordert und hinterfragt werden, hat es der Einzelne nicht leicht, sich selbst zu erproben, Widerständen zu begegnen und durch Erfahrungen zu wachsen. Der Prozeß der persönlichen Reife wird ernstlich behindert.

 

Wofür Gemeinschaft steht, was sie erhält und für den Einzelnen bedeutet, bleibt offen. Je weniger Arbeit der Einzelne einem kulturellen und weltoffenen Lernen unterliegt, in dem sich „liebende Zuwendung und die Kraft zur Selbstbe-hauptung die Waage halten, desto rücksichtsloser ist das Verhalten“ (Mitscherlich), das sich in Familie, Schule, Beruf und Freizeit ausbreitet.

 

Erst mit dem Wissen darüber, daß sich gewalttätige Übergriffe häufen und eine unterschiedliche Resonanz erfahren, verstehen wir, was jeder erwarten kann, wenn das tolerante Verhalten ausbleibt.

 

Was das politisch bedeutet, zeigte die nationalsozialistische Diktatur, der zweite Weltkrieg und insbesondere der Holocaust.

 

Besorgt darüber zu sein, daß Fremdenfeindlichkeit, Gefühlskälte und ein Des-interesse gegenüber dem Leben Anderer auch in unserer Gesellschaft zunehmen, läßt fragen, welche Gegenkräfte mobilisiert werden müssen und was der Einzelne zu tun hat.

 

Wach werdend, feinfühliger mit den Mitmenschen umzugehen und Toleranz all-gemein zu praktizieren, wäre eine geeignete Maßgabe, starre Selbstgewissheit, Haß, Aggressivität, Vorurteile und Gleichgültigkeit abzubauen. Denn ein gutes Gefühl für Gemeinschaft entsteht nur dort, wo sich Interessen ausgleichen, die Menschen aufeinander zugehen und an gemeinsamen Aufgaben arbeiten.

 

Wenn sich tolerante Verhaltensweisen aber nur auf den Kreis derer erstrecken, die uns genehm sind und zu uns passen „filtern wir die meisten Probleme, Krisen und Notlagen um uns herum aus, ehe wir sie gesehen, empfunden und geholfen haben“ (Hunt).

 

Ungeübt in Selbsterkenntnis und brüderlichem Verhalten, sind wir kaum in der Lage, zu alternativen Lösungen und mitfühlenden Handlungen vorzustoßen. Denn lebenswert bleibt unser Umfeld nur, so lange wir das Schicksal anderer beachten und nicht gleichgültig daneben stehen.

 

Wir wägen zu oft ab, in welcher Weise wir dem eigenen Nutzen entsprechen, statt einfühlsam und selbstlos dem Anderen zu begegnen. Eigene Bedürfnisse zu verwirklichen, ohne die Bedürfnisse anderer zu mißachten, wäre eine faire Lösung, miteinander umzugehen.

 

Aus einer der menschlichen Würde verpflichteten Gesellschaft müßten ethische Handlungen entstehen, die Verständnis, Akzeptanz, unaufdringliche Hilfsbereit-schaft und Geborgenheit vermitteln. Daß sie mit Freundschaft, Treue und soziale Anerkennung belohnt werden, ist nicht selten.

 

So „vereinigt Toleranz Großmut und Scharfsinn. Großmut, weil sie den Pluralismus menschlicher Ordnungen nicht leugnet; Scharfsinn, weil erst der Blick über uns selbst hinaus neue Erkenntnisse bringt. Sie hat keinen anderen Helfer als die Gabe zu Einsicht und Einfühlung“ (Mitscherlich).

 

Sollte es für Toleranz ein zielgerichtetes Verhalten geben, dann wäre es ein Treffen der Menschen auf gleicher Ebene, auf der Winkelwaage. Da dies keine geübte, immer gewollte und vertraute Art menschlichen Umgangs ist, sind Freimaurer geradezu verpflichtet, vorbildhaft dafür einzutreten.

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