Johannisfest

Ehrwürdiger Meister, liebe Brüder alle!
Wir Freimaurer sind Lichtsucher. Jetzt, zur Sommersonnenwende, wenn der hellste Tag des Jahres erreicht ist, der Tag mit der größten Lichtfülle, feiern wir das bedeutendste, das wichtigste Fest unseres Bundes, das Johannisfest. Seit Gründung der ersten Großloge am 24. Juni 1717 in England feiern Freimaurer in aller Welt dieses Fest am Geburtstag Johannis des Täufers, des Schutzpatrons der Freimaurer. An diesem Tag endet das alte Maurerjahr und es beginnt ein neues Maurerjahr.

Dass unsere Altvorderen den Geburtstag ihres Schutzpatrons am 24. Juni mit einem großen Fest begangen haben und wir das heute, traditionsbewusst wie wir sind, auch noch tun, ist ja leicht nachvollziehbar. Merkwürdig ist es aber schon, dass die Freimaurer an diesem Tag auch ihr Maurerjahr beenden und ein neues beginnen. Suchen wir nach dem Ursprung dieses Brauches, so führt uns diese Suche weit zurück in die Antike zum Brauchtum der alten Ägypter und zu deren Maßstab für die Länge und auch für die Zeit, der mit unserem symbolischen 24-zölligen Maßstab exakt übereinstimmt.

Unser symbolischer Maßstab ist zusammen mit dem Spitzhammer Werkzeug des Lehrlings. Bei unserer Aufnahme wird uns der Teppich erklärt. Dabei heißt es: „Quer auf dem Weg unseres weiteren Fortschreitens liegt der 24-zöllige Maßstab, der uns an die weise Einteilung der Stunden des Tageslaufs gemahnt. Gelingt sie uns nicht, so ist an dieser Stelle unser Weg zu Ende, und wir müssen bleiben, was wir sind. Und weiter: Weise ist unsere Einteilung der Zeit, wenn sie es uns ermöglicht, ständig an unserer Vervollkommnung zu arbeiten. Sie ist es nicht, wenn sie uns daran hindert.“

Der 24-zöllige Maßstab ist ägyptischen Ursprungs. Er wurde insbesondere von den Phönizier und den Griechen zusammen mit der Baukunst nach Mitteleuropa gebracht. Der 24-zöllige Maßstab ist zunächst einmal ein Längenmaß und dann auch ein Maß für die Zeiteinteilung. Als Längenmaß entspricht er der kleinen ägyptischen Elle von 24 Zoll oder von 2 Fuß zu je 12 Zoll. Das war das im alten Ägypten gebräuchliche Längenmaß. Dieses Maß, diese Elle hatten besonders auch die Juden angenommen. Im Alten Testament werden deshalb die Maße des Salomonischen Tempels in Ellen angegeben.

Auch in der altenglischen Freimaurerei ist der 24-zöllige Maßstab als Längenmaß verstanden worden. Er würde benötigt, um das Werk abzumessen, wie es in einem alten Lehrlingsfragestück hieß. Gleichzeitig hieß es aber auch, er stelle die 24 Stunden des Tages dar.

Schon für die Ägypter war neben der Baukunst und den dazu notwendigen geometrischen Kenntnissen die Einteilung der Zeit von großer Bedeutung. Sie kannten nicht nur die Einteilung des Jahres in 365 Tage, sondern auch die des Tages in 24 Stunden, wobei sie vom Beginn des Sonnenaufgangs an zählten. Es ist wahrscheinlich, das sie diese Einteilung des Tages von den Chaldäern aus dem Zweistromland übernommen haben, die als die ältesten Astronomen der Erde gelten. Jedenfalls ist es dann Ägypten, welches diese Zeiteinteilung dem Abendland, den Griechen und Römern und durch sie den Germanen überbracht hat. Hierzu passt auch, dass die griechischen Horen, die Göttinnen der Jahreszeiten, und die lateinische Hora, die Stunde, wohl auf den ägyptischen Horus, dem jungen Sonnengott (Sohn der Isis und des Osiris, griech. Apollo) zurückgehen. Wörtlich ist Horus der Aufgehende von Har, der erscheinende Tag. Die griechischen Horen und die lateinische Hora sind also das anbrechende Licht bzw. die anbrechende Zeit des Tages und des Jahres.

Und nun das wesentliche: Die alten Ägypter begannen und endeten das Jahr in den Hundstagen nach der Zeit der Sommersonnenwende mit dem Frühaufgang des Hundssterns oder des Syrius, des Sterns der Isis. Diesen Jahresanfang haben später die Ionier und die Athener angenommen, die sich zugleich einen Apollo Kynnios, einen Apollo der Syriuszeit schufen. Vieles spricht dafür, das hier der Ursprung des maurerischen Jahreswechsels zur Zeit der Sommersonnenwende zu finden ist. Es gibt auch Vermutungen, dass der maurerische Johannis der Täufer dem griechischen Apollo Kynnios verwandt ist. Jedenfalls steht das maurerische Johannis- und Rosenfest in einer Linie mit dem griechischen Fest des Apollo Kynnios, den neun Tage lang mit großen Feierlichkeiten begangenen Hyakinthien. Das Fest der Rose und das Fest der Hyakithe, Johannis der Täufer und Hyakinthos haben die gleiche symbolische Bedeutung der hinwelkenden und vergehenden Zeit, des im reichsten Blüten- und Blumenleben bereits beginnenden Todes.

In dem schon erwähnten Lehrlingsfragestück der Alten Maurer antwortet der Aufzunehmende auf die Frage des Meisters vom Stuhl, wie er die 24 Stunden des Tages einteile, wörtlich: „Sechs Stunden zur Arbeit, sechs Stunden Gott zu dienen, sechs Stunden einem Freunde oder Bruder zu dienen, sechs Stunden zum Schlaf.“ Auffallend ist hier die Vierteilung der Tageszeit. Diese weist uns hin auf sehr alte mythologische Anschauungsweisen: Die vier Quadranten des Tierkreises, die vier Jahreszeiten, die vier griechischen Horen.

Die Einteilung des Tages entspricht der Einteilung des Jahres. Es gibt zwölf Tierkreiszeichen und – wie tatsächlich im alten Ägypten – zwölf Stunden des Tages und zwölf Stunden der Nacht. Orientierung ist die tägliche und jährliche Sonnenbahn. Der abendliche Untergang und der von der Sommersonnenwende an beginnende Abstieg ist Symbol des Todes, des Unheils, des Herabstiegs in den Hades. Der morgendliche Aufgang im Osten und der mit der Wintersonnenwende beginnende Aufstieg hat Auferstehungs-, Lebens- und Heilscharakter. Der Tod der Sonne ist der Beginn neuen Lebens.

Für die Zwölfteilung lassen sich in den verschiedensten Mythologien vielfältigste Beispiele finden. Einige davon: König Arthurs Tafelrunde umfasste zwölf Personen, in Glasheim, der glänzenden Himmelswohnung gab es zwölf Stühle für die Asen. Unter Odins Gemahlin Frigg stehen zwölf weibliche Asen. Zwölf Nürnberger Meister singen miteinander im flammenden Rosengarten.

Dass mit der zwölften Stunde der Tag und die Nacht, mit dem zwölften Monat das Jahr ablaufen, ist aus den Antworten ersichtlich, welche in dem alten Lehrlingsfragestück der Neuaufgenommene auf die Frage gibt, warum elf Mitglieder eine Loge bilden und machen sollten. Er sagt: „Es waren elf Patriarchen, als Josef nach Ägypten verkauft und für verloren geachtet wurde“. Der Meister vom Stuhl fragt weiter: „Der zweite Grund, Bruder?“ Antwort: Es waren nur elf Apostel, als Judas Christum verraten hatte.“ Welche Ausdrucksform auch gewählt ist, immer geht es um denselben mythologischen Gedanken, nämlich um den Tod und die ihm vorausgehenden Leiden des Sonnengottes. Der Abend- und der Morgenstern, der Untergang der Sonne und ihr erneuter Aufgang, ja auch die sterbende rote Rose und die ewige weiße Rose bezeichnen letztlich dieselbe Sache, nämlich das ewige Licht, für das es kein bleibendes Verschwinden, keine unüberwindliche Dunkelheit gibt. Symbolisch triumphiert der Geist über das Irdische und den Tod.

Die uralten Mythologien zeigen also, dass der 24-zöllige Maßstab in seiner äußeren Dimension die zeitliche Einteilung des Kommens und Gehens, des Lebens und Sterbens darstellt. Durch seine fortdauernde Wiederkehr im Rhythmus von Tag und Nacht, im Rhythmus der Jahreszeiten und Jahre wird uns deutlich, dass dieser Maßstab für uns in seiner zeitlichen Dimension offen ist. Wir wissen nicht, wie viele zeitliche Maßstäbe unser Leben noch durchlaufen wird, welche Lebensstrecke wir noch abmessen können. Der Gedanke daran mahnt uns, die Zeit weise, mit Maß einzuteilen.

Die innere Dimension des 24-zölligen Maßstab ist gleichzeitig Richtschnur für unser Verhalten, unser Handeln und unser Urteil. Wir sollten uns bewusst sein, dass der Mensch „maßstabsfähig“ ist, dass er sich selbst beurteilen, sich selbst steuern, sich Maßstäbe setzen kann. Wir Freimaurer leiten daraus für uns die Verpflichtung ab, von dieser Fähigkeit Gebrauch zu machen und den richtigen Weg zu unser eigenen Vervollkommnung zu finden.

Ich habe von der Eignung unseres Maßstabes sowohl als Zeitmaß als auch als Längenmaß gesprochen und von den verschiedenen Dimensionen dieses Maßstabes. Zeit und Raum haben nicht nur in der Freimaurerei eine hohe symbolische Bedeutung. Wo Zeit und Raum zusammenfallen, da ist die Gottheit zu suchen und zu finden. In Wagners Oper spricht Parsifal: „Ich schreite kaum, doch fühl ich mich schon weit.“ Und Gurnemanz antwortet ihm: „Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit.“ Wenn wir auf unserem Teppich über den Maßstab der Zeit hinüberschreiten, so kommen wir in die innerste Kammer, wo Raum und Zeit eins werden. Die alten Maurer nannten diese Kammer das Allerheiligste.

Meine Brüder, an einem Tag wie heute, am Johannisfest, schmücken die Maurer ihren Tempel und auch sich selbst mit Rosen. Die Rose wurde seit uralter Zeit in China gepflegt. Etwa 1000 v. Chr. gelangte sie über Indien und Vorderasien nach Ägypten und dann nach Griechenland. Schon Homer nennt sie eine fremde Wunderblume und spricht von der rosenfingrigen Morgenröte (Eos). Die Rose galt von alters her als die Königin der Blumen. Sie war Sinnbild der Liebe und der Freude, aber auch der Vergänglichkeit. Sie schmückte die Liebenden, die Festtafeln und die Gräber.

Die Rose war Ausdruck der Sehnsucht des Menschen nach einem neuen, höheren Leben. Die Römer legten sie deshalb bei den Totenfesten, den Rosalien, auf die Gräber und schon in den Initiationsriten der alten Ägypter, z. B. im Isis-Kult, erfolgte in Graden, die das Erlebnis der Neugeburt des Menschen aus halb tierischen Dasein zum Inhalt hatten, diese Wandlung durch die mystische Kraft der Rose. In ihren Kelchblättern kann man das Pentagramm, ein mystisches Zeichen des Geheimnisses, erblicken. Deshalb war die Rose auch Symbol der Verschwiegenheit. Was die Eingeweihten, mit der Rose geschmückt (sub rosa), als Geheimnis erfahren hatten, sollten sie unverbrüchlich verschweigen. Das Pentagramm zeigt den für die Baukunst wichtigen goldenen Schnitt. Die Bauleute des Mittelalters krönten ihr Werk mit einer Rose aus Erz und Stein zum Zeichen seiner Vollkommenheit.

Die drei freimaurerischen Rosen begleiten den Freimaurer sein ganzes Leben lang. Er erhält sie bei seiner Aufnahme, danach in jedem Jahr beim Johannisfest und am Ende seines Lebens werden sie ihm als letzten Gruß auf den Sarg gelegt. Ihre Farben sind weiß, rosa und rot. Auch für den Freimaurer ist die Rose ein Symbol der Wandlung, nämlich der Sehnsucht des Menschen nach einem neuen höheren Leben. Dabei symbolisiert Rot das Irdische, das Materielle, Weiß das reine Licht, den göttlichen Geist, das Transzendente und Rosa die Vereinigung beider.

Dies, meine Brüder, zu dem Fest, das wir heute feiern, dem Johannisfest. Ehrwürdiger Meister, meine Zeichnung ist beendet.

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