Johannes der Täufer

Nichts Neues ist, dass sich die englische Freimaurerei ohne wesentliche Zäsuren aus den alten Bauzünften entwickelt hat und demzufolge ein einheitliches, aus Tradition übernommenes Symbolgut aufweist.

Nichts Besonderes ist, dass König Salomons Tempel das zentrale Symbol der gesamten Freimaurerei ist und dass in ihrem Brauchtum Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist eine hervorragende Rolle spielen, waren sie doch von alters her ihre Schutzpatrone. Sie stehen im Kalender an zwei markanten Punkten der jährlichen Sonnenbahn: der Evangelist für die Wintersonnenwende und der Täufer am Tag der Sommersonnenwende. Vom letzteren soll in meiner Zeichnung die Rede sein.

Wir wissen, dass die Johannislogen nach Johannes dem Täufer benannt worden sind. Johannes der Täufer ist uns bekannt als der Rufer in der Wüste, oder vielmehr der Rufer in die Wüste hinein, oder ist er vielleicht der Rufer aus der Wüste heraus? Wie dem auch sei, er ist zumindest ein Rufer, ein Aufweckender, ein Aufrüttelnder, der mit seinem „denket um und erneuert euren Sinn“ der Wegbereiter Jesus Christus gewesen ist.

Wer war nun dieser Johannes? Welche Bedeutung hat er für die Freimaurerei, für die Johannislogen und damit für jeden einzelnen Bruder? Sicher war er eine von der christlichen Sage schon früh mit Vorliebe und in möglichst nahe Beziehung zu Jesus von Nazareth gebrachte Erscheinung, war gleichwohl eine wahrhaft geschichtliche Gestalt.

Geboren wurde er als Sohn des Tempelpriesters Zacharias und seiner Frau Elisabeth. Beide waren schon sehr betagt und kinderlos, was sie sehr bedrückte. Kinderlosigkeit war damals bei den frommen Juden eine Schande, eine Strafe Gottes, denn Gottes Segen ruhte auf solcher Ehe nicht. Doch ein Engel Gottes prophezeit dem Zacharias die Geburt eines Sohnes. Die Verheis-sung erfüllte sich, Elisabeth wurde Mutter und gebar einen kräftigen Knaben. Sie nannten ihn Johannes, wie es der Bote Gottes gewünscht hatte. Schon vor der Geburt wurde den Eltern verkündet, dass sie „Wonne und Freude“ an ihrem Sohn haben werden und dass er ein großes Werk Gottes in Israel vollbringen wird.

Über die Jugend Johannes wissen wir nichts. Er lebte in der Wüste, ernährte sich von Heuschrecken und wildem Honig als Gott ihm gebot, öffentlich aufzutreten. In der asketischen Lebensweise der alten Propheten trat er auf, trug ein grobgewirktes Gewand aus Kamelhaar, gehalten von einem Ledergürtel.

Johannes hatte sich als Stätte für seinen Auftritt die Wüste Juda und den unteren Jordan ausgesucht. Die Orte hatten in der damaligen Zeit einen hohen geschichtlichen Rang. Für den frommen Juden ist die Erinnerung an die Wüste
der tragende Grund seines Glaubens, war Gott doch seinem Volk beim Auszug aus Ägypten in der Wüste besonders nahe. Das Wasser des Jordan verheißt Fruchtbarkeit und das Überqueren des Flusses bedeutet für Israel auch das Ende der Wüstenwanderung und den Eintritt in das Gelobte Land. Johannes war der letzte Prophet des Alten Testaments. Er war noch mehr: Er war der Bote und Wegbereiter des Messias. Johannes sammelte Jünger um sich und verkündigte die Nähe des von den Propheten vorhergesagten Reiches Gottes.

Mit seinen Predigten hat er eine gewaltige Volksbewegung ausgelöst. Und das Volk ging mit und wurde durch ihn stark. Johannes stand in der Tradition der alttestamentlichen Propheten und wie diese verkündet er kompromißlos eindeutig seine plausiblen Forderungen: Kehret um, ändert euren Sinn! Tut niemand Unrecht, widersteht den Versuchungen zur Machtausübung. Beseitigt die elementare Not anderer Menschen: Wer zwei Hemden hat, gebe dem eines, der keines hat, nicht: gib dein letztes Hemd her, denn das wäre selbstzerstörerisch. Tuet daher Buße und gehet in euch, ruft er den Menschen zu. Noch ist Zeit dazu.

Was macht den Täufer überhaupt zu einer insbesondere kirchengeschichtlich so hervorragenden Persönlichkeit? Bußprediger hat es unter den Propheten vor ihm und unter den Heiligen und Kirchenväter viele gegeben. Seine Besonderheit lag darin, dass er als erster den vom jüdischen Volk, besonders von den Frommen und den Eingeweihten, so sehr und schon so lange ersehnten Messias erkannt und das öffentlich erklärt hat. Als Vorbedingung für dessen Kommen forderte er Buße und Bekehrung und die Verpflichtung zur Wassertaufe im Jordan.

Viele Menschen kamen zu ihm, bekannten ihre Sünden und ließen sich von Johannes taufen. Zu ihnen gehörte auch Jesus von Nazareth. Andere, etwa Pharisäer, kamen mit Nebenabsichten. Ihre Umkehr war nicht aufrichtig. Ihnen verweigerte Johannes die Taufe. Priester und Leviten trafen den Täufer, um zu erfahren, wer er sei. Denen antwortete er, er sei weder Prophet noch Christus, sondern nur die Stimme eines Predigers in der Wüste, die den Messias ankündigen sollte. Seine Aufgabe sei es, Jesus Christus offenbar zu machen und ihn zu taufen. Mit dem Auftreten und der Taufe von Jesus war der eigentliche Auftrag Johannes des Täufers erfüllt.

Johannes war nicht nur der selbstlose Vorgänger und Wegbereiter Jesus von Nazareth. Er vollbringt keine Wunder, er heilt auch keine Kranken. Er hat sich in Kamelhaar gekleidet, kein Brot gegessen und keinen Wein getrunken. Er hat gefastet und mit Wasser getauft. Darin unterscheidet er sich ganz grundsätzlich von seinem Zeitgenossen Jesus Christus. Es muß etwas Ungewöhnliches, geradezu Faszinierendes von ihm ausgegangen sein, dass er so große Aufmerksamkeit erregte und dass viele Menschen ihm nachfolgten.

Das Wirken des Täufers währte allerdings nicht lange. Persönliche Gründe von Herodias Antipas sowie staatspolitische und religionspolitische Gründe wurden ihm zum Verhängnis. Das Ende Johannes des Täufers ist tragisch.

Aus Quellen soll darüber berichtet werden. Die eine Quelle geht auf den jüdischen Schriftsteller Flavius Josephus, die andere auf den Evangelisten Markus zurück. Josephus schreibt über Bedeutung und Ende des Johannes:

Da nun eine große Menschenmenge zu Johannes strömte und ihm zuhörte, fing Herodes Antipas, Landesherr der Juden, an, sich zu fürchten, der Einfluß eines solchen Mannes könne einen Aufruhr herbeiführen. Er hielt es daher für geraten, Johannes unschädlich zu machen. Auf diesen Verdacht des Herodes wurde Johannes in Ketten geworfen, nach der Festung Machärus gebracht und dort enthauptet.

Der Evangelist Markus schildert eindringlich das Martyrium des Johannes:

Herodes Antipas, verheiratet mit Herodias, der Frau seines Bruders Philippus, wurde von Johannes öffentlich vorgeworfen, dass diese Schwagerehe nach mosaischen Gesetz unzulässig war. Herodias fühlte sich tief beleidigt und forderte den Tod des Johannes. Herodes wußte, dass Johannes ein frommer und heiliger Mann war und fürchtete ihn. Trotzdem ließ er ihn auf Wunsch der Herodias und deren Tochter Salome durch Enthauptung sterben.

Soweit die Schilderungen von Josephus und Markus. Diese Schilderungen enthalten Hinweise auf die herausragenden Eigenschaften des Täufers: Wahrheitsliebe, Gerechtigkeitssinn, Standhaftigkeit und Mut, auch gegenüber den Mächtigen nicht zu schweigen. Sein Aufruf an die Menschen: „Denket um! Ändert euren Sinn!“ zeugt von Bekennermut. Er, ein einzelner, wagte es, seine Stimme in der Menge zu erheben und unerschrocken für die eigene Überzeugung einzutreten.

Johannes der Täufer ist seit uralten Zeiten der unbestrittene Schutzpatron der Steinmetzgilden und auch der ihnen angeschlossenen Bruderschaften. Ebenso hatten die Zimmerleute ihn zu ihrem Schutzheiligen erwählt. Zumindest in England, wo er nachweislich (lnschrift aus der Monrose-Abtei) schon im Jahre 1136 als Patron der Gilden bezeichnet wird. Diese Gilden waren bruderschaftliche Vereinigungen mit einem religiösen oder weltlichen Grundzug. Ihr Zweck war die Sicherung der Lebenshaltung des einzelnen Mitgliedes und seine Unterstützung in Fällen von Arbeitslosigkeit oder Krankheit und im Todesfall für Begräbnis und Seelenheil.

Die Freimaurerei steht zum Gildenwesen in innigster Beziehung, ihre Entwicklung läßt sich über die Steinmetzbruderschaften und die Zunft der Steinmetzen zu ihrer geistigen, spekulativen Form gut nachweisen. So wählten auch die Freimaurer Johannes den Täufer zu ihrem Schutzpatron. Am 24.Juni, dem Geburtsfest des Täufers, wurde in London 1717 die erste Großloge gegründet. .Seitdem wird auch das Johannisfest am 24.Juni von fast allen Logen begangen. Zum Johannisfest werden wir daran erinnert, umzudenken und unseren Sinn zu ändern, gemäß der Botschaft Johannes des Täufers.

Freimaurerei ist eine große Aufgabe, der wir uns verschrieben haben. Unsere Aufgabe in der großen Menschheit braucht nicht erst erfunden zu werden. Sie ist vorhanden, seit Johannes am Jordan die Abkehr vom Ich-Denken, von der Selbstüberschätzung, von der Hetze nach äußerer Anerkennung verkündet hat. „Metanoeite! Denket um! Ändert euren Sinn!“ Diese Mahnung unseres Schutzpatrons soll uns Mut machen und Kraft geben zum Umdenken bedeutet aber auch, wir müssen bei uns selbst beginnen. Wir dürfen weder erwarten noch verlangen, dass die anderen Menschen sich anders verhalten, wenn wir nicht selbst.

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