Jeder sei seiner Pflicht eingedenk

Ich schlief und träumte,
das Leben wäre Freude,
ich erwachte und sah,
das Leben war Pflicht;
ich handelte und siehe
die Pflicht war Freude.

TACORE – indischer Philosoph

In dem Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz wird ein Jugendlicher geschildert, dem in der Schule während der Deutschstunde das Aufsatzthema „Die Freuden der Pflicht“ gestellt wird und der daran scheitere. Trotz allem Bemühen gelingt es ihm nicht, zu diesem Thema etwas zu sagen und er gibt ein leeres Blatt ab.

Grund dafür ist, dass seine ganze Kindheit und Jugend unter dem Begriff „Pflicht“ stand und von ihm, insbesondere durch seinen Vater, eine bedingungslose Pflichterfüllung gefordert wurde. Der Vater selbst wird von einer fanatischen fast gnadenlosen Pflichterfüllung angetrieben, der er alles unterordnet. „Wer seine Pflicht tut, braucht sich keine Sorgen zu machen“, lautet sein Motto. Welch eine Anmaßung!

Für das Zusammenleben von Menschen ist es notwendig, dass jeder sich für sein Tun und Lassen verantwortlich weiß – verantwortlich gegenüber der Gemeinschaft, gegenüber dem eigenen Gewissen und gegenüber dem Gesetz. Wir haben uns also zu verantworten für alles was wir anderen Gutes oder Schlechtes antun in der Erkenntnis, dass wir Rechte haben, aber auch Pflichten.

Aus dieser Einsicht heraus verstehe ich in erster Linie die Erfüllung von Pflichten, die aus dem eigenen Gewissen kommen, die ich mir selber auferlege, für die ich bereit bin Verantwortung zu übernehmen, für die ich mir selbst gegenüber Rechenschaft ablegen muss. Diese erfüllten Pflichten geben mir ein Gefühl innerer Zufriedenheit, die mir niemand mit noch soviel Lob gewähren kann.

Was bedeutet es denn Pflichten zu haben? Doch wohl in erster Linie die Bereitschaft Pflichten und Verantwortung zu übernehmen; heißt weiterhin die Übereinstimmung von Denken und Tun. Leere Worthülsen und Phrasen wie z.B. „man sollte, man müßte, man könnte“, behindern nur das Handeln und sollten unbedingt vermieden werden. Wenn keine Taten folgen, sind sie nutzlos und ohne Wert.

Zu diesen Begriffen gibt es eine Vielzahl von Zitaten. Einige möchte ich nennen: Der englische Philosoph Georg Edward Moore sagte: „Pflicht heißt die Handlung, die mehr Gutes in der Welt hervorzubringen vermag, als jeder andere Entschluß“. Nietzsche meinte: „Unsere Pflichten – das sind die Rechte anderer auf uns“. Friedrich der Große prägte den Satz: “ Seine Pflicht erkennen und tun, das ist die Hauptsache“. Soweit die Zitate.

Der Begriff der Pflicht wurde zuerst von den Stoikern in die Ethik eingeführt und definiert als das, was vernünftig ist und sich mit guten Gründen rechtfertigen lässt. Ist bei den Stoikern die Vernunft, der zu folgen Pflicht und somit umfassender Sinn ist, so wird im Christentum die Pflicht zum Gebot Gottes. Dabei werden in der christlichen Ethik drei sogenannte Pflichtenkreise unterschieden; 1. die religiöse Pflicht gegen Gott. 2. die sozialen Pflichten gegen die Mitmenschen und 3. die individuelle Pflicht gegen sich selbst.

Es gehört zum Wesen der Pflicht, dass sie die Frage Warum? ausschließt und als unbedingten Gehorsam forderndes Ge- oder Verbot eben als kategorischer Imperativ auftritt. Das Pflichtbewusstsein lässt sich als Ergebnis der menschlichen Gesellschaft erklären, wie es denn auch den Einzelnen immer erst durch Erziehung oder Vorbilder vorgelebt wird. Von Immanuel Kant wird dann die Pflicht zum Grundbegriff der Ethik erhoben.

Wer sich mit dem Begriff „Pflicht“ beschäftigt, kommt nicht an Kant, kommt nicht an seinen „Kategorischen Imperativ“ vorbei und muss sich mit ihm auseinandersetzen zumindest, wenn es um den Begriff der Pflicht geht.

Kant definiert den Begriff so: Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung vor dem Gesetz. Eine Handlung aus Pflicht ist also eine Handlung aus Achtung für das Gesetz. Pflicht soll das Motiv für das Handeln sein, nicht Freude, nicht Abweisung von übel oder Ähnliches. Wem das Gewissen gebietet, auf eine bestimmte Weise zu handeln, hat auch die Pflicht, so zu handeln. Wichtig ist dabei, dass der Mensch nicht pflichtgemäß sondern aus Pflicht handeln soll. Kant meint damit: Handlungen die aus Neigungen geschehen, z.B. aus einer Freude am Schenken nicht aber aus Pflicht, können daher keinen moralischen Wert besitzen und sind bestenfalls bloß legal.

Die moderne Gesellschaft hat den Menschen trotz aller Betonung von Glück und Eigennutz gelehrt sich bewusst zu werden, dass nicht sein Glück das Ziel des Lebens sei, sondern die Erfüllung seiner Pflichten zur Leistung. Heute ist das Wichtigste, erfolgreich zu sein, zu Macht und Prestige zu kommen, um auf der sozialen Leiter aufzusteigen. Hinsichtlich seines Menschseins aber stagniert der Mensch, ja, viele Menschen verschlechtern sich.

Auch wenn ihre Fähigkeiten Geld zu verdienen und Menschen zu manipulieren wächst, so geht es ihnen menschlich nicht besser. Er meint, dieses Handeln läge in seinem eigenen Interesse, in Wirklichkeit dient er allein anderen, nur nicht sich selbst.

Es setzt sich hoffentlich die Erkenntnis durch, dass eine Gemeinschaft die nur ihre Rechte einfordert und keine Pflichten mehr auf sich nehmen will, keine gute Zukunft hat. Nachlassende Bereitschaft zu sozialen Bindungen und zur Übernahme von Verantwortung und Pflichten für andere hat die Menschheit nicht freier, sie hat sie teilweise ärmer und einsamer gemacht.

Die meisten Menschen kennen ihre Rechte sehr genau und wenden erhebliches an Zeit und Energie auf, sie einzufordern. Unterstützung finden sie bei einer Vielzahl von Institutionen und Organisationen die behilflich sind, alle Möglichkeiten zu nutzen. In den meisten Fällen alles legal. Ähnliches gibt es kaum bei der Forderung Pflichten zu erfüllen. Ein Grund dafür mag sein, dass seine Pflicht zu tun eine Tugend ist, die heutzutage als unzeitgemäß gilt. Tugenden sind Bindungen. Ohne Regeln, ohne Traditionen, ohne Verhaltungsnormen kann kein Gemeinwesen bestehen. Auch nicht die Freimaurerei, auch nicht die Königliche Kunst.

Ganz anders steht es mit den Pflichten die aus dem eigenen Gewissen kommen, den inneren Pflichten sozusagen. Nicht immer sind sie leicht zu erkennen, weder im privaten Bereich noch im öffentlichen. Außerdem wird die Befolgung innerer Pflichten von niemand kontrolliert, außer von uns selbst. Wir können sie ungestraft verletzen. Doch es gibt Hoffnung!

Hat sich früher kaum jemand aufgeregt, wenn z.B. irgendwo in fernen Erdteilen Hungersnöte und Seuchen, blutige Kriege und Stammeskämpfe herrschten, so nehmen wir heute, dank der Medien, regen Anteil, leisten Entwicklungshilfen, unterstützen mit Geld- und Sachspenden Betroffene bei Naturkatastrophen und verlangen von der Obrigkeit wirksame Maßnahmen, um Not zu lindern und Leidtragenden zu helfen.

Die Pflicht zur Zukunft? Haben wir eine Pflicht gegenüber ungeborenen Leben? Alles Leben macht Anspruch auf Leben und darum wohl auch auf ein zu achtendes Recht. Was nicht existiert, stellt auch keine Ansprüche und kann daher auch nicht in seinen Rechten und seiner Würde verletzt werden.

Nun gibt es schon in der traditionellen Moral die Verantwortung und Pflicht gegen Kinder, die man gezeugt hat und die ohne Fürsorge zu Grunde gehen müssten. Zwar könnte man von ihnen eine Art Gegenleistung für die aufgewandte Liebe und Mühe erwarten insbesondere im Hinblick auf Betreuung im Alter. Aber dies ist bestimmt nicht die Bedingung dafür und noch weniger für die Verantwortung und für die Pflichten die man für sie anerkennt.

Wenn wir eine Pflicht zur Zukunft haben, so haben wir auch eine Verantwortung für die künftige Menschheit und somit auch eine Pflicht zum Dasein einer künftigen Menschheit. Es ist dies die Verpflichtung gegenüber dem unselbständigen Nachwuchs und nicht das Verhältnis zwischen selbständigen Erwachsenen. Es stellt sich also die Frage, wie der Fortbestand der Menschheit gesichert werden kann.

Um die Beständigkeit des Fortpflanzungstriebes braucht man nicht zu fürchten, wenn überhaupt, dann nur durch kolossale Dummheit oder Unverantwortlichkeit unsererseits. Unterstellen wir also einfach unseren Weiterbestand.

Nun gibt es Umstände der verschiedensten Art, wo die Frage erlaubt sein muß, ob man Kinder in die Welt bringen dürfe. Grausamkeiten in Kriegen mit schrecklichen Folgen, besonders für Frauen, Hungernöte, soziales Elend, Hoffnungslosigkeit, Existenzängste, um nur einige zu nennen, können sehr wohl Argumente sein die von Betroffenen gebraucht werden, die aus ihrer Verantwortung heraus nicht wollen, dass Kinder in eine Welt hineingeboren werden, ohne Zukunft und ohne Aussicht auf ein menschenwürdiges Dasein. Aus der jeweiligen Situation gesehen ist eine nachvollziehbare Sichtweite vor allem dann, wenn man aus eigenem Erleben Verständnis für derartige Aussagen aufbringen kann. Der Einzelne mag solche Entscheidungen treffen und sie für sich auch verantworten, das kann und darf aber nicht unsere Position sein.

Wir sind kommenden Generationen verpflichtet. Das bedeutet aber, dass wir nicht so sehr über das Recht künftiger Menschen zu wachen haben, wie vielmehr über ihre Pflicht zu wirklichem Menschentum. Hierüber zu wachen ist unsere Grundpflicht gegenüber der Menschheit.

Die Freimaurerei war der politischen und der gesellschaftlichen Wirklichkeit immer voraus. Wie Lessing sagte, war Freimaurerei schon immer, d. h. schon lange vor Verkündigung irgendwelcher Menschenrechte hat es Menschen gegeben, die über die ihnen auferlegten Pflichten nachdachten und so die Menschheit vorwärts brachten. Eigentlich die Pflicht aller denkenden Menschen!

Die freimaurerische Idee ist festgelegt in den „Alten Pflichten“ in Form eines Verhaltenskodex und damit als ein Pflichtenkatalog. Dieser Pflichtenkatalog umfasst nicht nur freimaurerische Verhaltensweisen, sondern kann durchaus als ein Forderungskatalog nach allgemeinmenschlichen Verhaltensweisen aufgefasst werden. Ich zitiere den ersten Artikel: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten und Pflichten geboren. Sie sind mit Vernunft und Wissen begabt und haben die Pflicht, einander im Geiste der Brüderlichkeit zu begegnen“; Zitatende.

Nur der Mensch allein ist imstande, seine Fehler und Irrtümer zu erkennen und zu beseitigen. Er allein kann an der Entwicklung seiner guten Anlagen arbeiten. In diesem Sinne ist das Ziel der Maurerei die innere Wandlung und geistige Entfaltung des Menschen. Moral erkennt keine Rechte an, die nicht zu gleicher Zeit auch Pflichten sind. Darum ist die Freimaurerei, sind wir aufgerufen, unbeirrt weiterzuarbeiten im Sinne-, der Aufforderung; Jeder sei seiner Pflicht eingedenk und gesegnet sei uns diese Stunde.

 

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