7. Januar 2015

Gedanken über den freien Mann von gutem Ruf

„Ein freier Mann von gutem Ruf“ ist die Antwort auf die Frage, wer so ungewöhnlich an die Tür unseres Tempels klopft. Er wird eingeführt, der freie Mann von gutem Ruf, als denkender Mensch, der aus eigenem freien Willen um seine Aufnahme bittet. Er hat bewiesen, dass er in den Stürmen des Lebens sich die Freiheit eines unabhängigen Geistes bewahrt hat. Weil er uns als freier Mann von gutem Ruf zugeführt wurde, haben wir ihm das Tor unseres Tempels geöffnet.

Die Harmonie unserer Gemeinschaft ist es wert, dass wir ihn vorher eingehend geprüft haben, denn wir wünschen nicht, dass Unwürdige bei uns eindringen und die Harmonie unserer Gemeinschaft stören. Vorsorglich wird darauf hingewiesen, dass eine Gewissheit nicht garantiert werden kann, denn: in das Innere eines Herzens zu sehen, vermag kein sterbliches Auge – alles Sätze aus unserem Ritual.

Doch was ist das „ein freier Mann von gutem Ruf“? Wovon ist er frei? Und was zeichnet ihn aus? Ist es protestantische Bescheidenheit? Preußische Disziplin? Besitzt er die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und einen Kampf für das Gute wider das Böse zu führen und zu bestehen? Ist er derjenige, der ohne fremde Hilfe den Lebensunterhalt für sich und seine Familie bestreitet? Oder genügt zur Glaubhaftmachung die Vorlage eines polizeilichen Führungszeugnisses? Zugegeben, eine etwas flache Definition.

Antwort finden wir in den „Alten Pflichten von 1723“. Dort heißt es unter I. „Von Gott und der Religion“… Sie sollen also gute und redliche Männer sein, von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf ihr Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugungen sie sonst vertreten mögen. Und unter III. „Von den Logen“ heißt es: „Die als Mitglieder einer Loge aufgenommenen Personen müssen gute und aufrichtige Männer sein, von freier Geburt, in reifem und gesetztem Alter, keine Leibeigenen, keine Frauen, keine sittenlose und übelbeleumdete Menschen, sondern nur solche von gutem Ruf“.

In der „Freimaurerischen Ordnung“ der GL A.F.u.A.M.v.D. heißt es in Artikel 4/I: „Die Freimaurer nehmen in ihrer Bruderschaft ohne Ansehen des religiösen Bekenntnisses, der Rasse, der Staatsangehörigkeit, der politischen Überzeugung und des Standes freie Männer von gutem Ruf als ordentliche Mitglieder auf, wenn sie sich verpflichten, für die Ziele der Freimaurerei an sich selbst zu arbeiten und in den Gemeinschaften, in denen sie leben, zu wirken“.

In der Verfassung der „Großen Loge von Hamburg“ stand, dass nur „freie Männer von gutem Ruf“ und von einer solchen geistigen Bildung, wie sie zur Ausübung des maurerischen Berufes vorauszusetzen ist, als Mitglieder des Bundes zugelassen werden können. Dass Bekenntnis und Überzeugung nichts Trennendes darstellen dürfen, weil die Freimaurerei eine Stätte der Einigung und der Freundschaft ist“.

Im Fragebuch der „Großen Landesloge“ findet sich folgende Erklärung: „Er ist ein freier Mann, der seine Neigungen zu überwinden weiß, seine Begierden zu mäßigen versteht und seinen Willen den Gesetzen der Vernunft unterwerfen kann“.

Das sind verbindliche Aussagen. Die Definition des „freien Mannes“ erscheint klar und einleuchtend; doch trifft dies nur auf das historische Bild zu. Die Mitglieder der Logen waren in ihrer Zeit fast durchweg Wohlhabende, Adlige oder Bürgerliche, die Protektion genossen und bestimmten Gesellschaftsschichten angehörten.

Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist der Begriff des freien Mannes von gutem Ruf sicherlich anders zu fassen, als zur Zeit der Gründung der Londoner Großloge. Die Bevölkerungsstruktur hat sich vollständig gewandelt. Privilegierte Gesellschaftsschichten im Sinne der allgemeinen Grundrechte gibt es nicht mehr, wenn man von den vom materiellen Wohlstand abhängenden Privilegien absieht. Was ist in einer solchen Gesellschaft „ein freier Mann von gutem Ruf“ im Sinne unserer Bruderschaft? Von gutem Ruf muß ein Mann auch heute noch sein, um in den Bund aufgenommen und bleiben zu können. So verlangen es die für uns immer noch maßgebenden „Alten Pflichten“. Und das ist auch gut so, wenn nur nicht die permanente Schwierigkeit wäre, den freien Mann von gutem Ruf definitiv zu bestimmen.

Heraklit wird das Wort zugeschrieben, dass der Mensch ein Scherz der Götter sei. Der Schriftsteller Arthur Köstler meinte, der Mensch sei nicht die Krone der Schöpfung, sondern ein Irrläufer der Evolution, also ein biologisch-genetischer Unfall. Doch ob er, zum anderen, ein Ebenbild Gottes ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Er kann – muß aber nicht. Sieht man den positiven Aspekt, so setzt das – irgend wie – ein Gut-Sein voraus. Um mit Goethe zu reden: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“.

Doch da befindet man sich im Widerspruch zu Sokrates und Plato. Diese lehrten nicht, dass der Mensch von selbst „gut“ sei, sondern nur, dass er gut sein könne. Nur wer sich selbst entfaltet, sagt ein buddhistisches Sprichwort, bewirkt Gutes. Doch wie gut ist ein Mensch überhaupt? Kant meint, der Mensch ist gut, der sein Denken, Wollen und Handeln auf das Gute richtet; und weiter, was ohne Einschränkung für gut gehalten werden könne, ist allein ein guter Wille. Doch ein guter Wille alleine genügt nicht, man muß das Wollen auch tun.

Fast alle Religionen kennen die „Goldene Regel“: „Was du nicht willst, dass man dir tu´, das füg´auch keinem anderen zu“. Die zentrale Lehre des Christentums ist doch das Wort aus der Heiligen Schrift: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ (3Mos.19). Im Matthäus-Evangelium (Mt.7.12) wird es so ausgedrückt: „Alles was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch“!

Es ist auch Kants zentrale praktische Lehre: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als auch in der Person jedes anderen zugleich als Zweck, nie als bloßes Mittel gebrauchst“. Kein anderer Gedanke, sagte Popper, hat in der moralischen Entwicklung des Menschen eine so mächtige Wirksamkeit entfaltet.

Was wird also verlangt? Nichts weniger, als dass ein jeder auf den anderen Rücksicht nehme, dass man die Eigenarten seiner Mitmenschen achtet, sich nicht in ihre Privatangelegenheiten mischt und sich hütet, unaufgefordert Ansichten und Meinungen über irgendwelche Probleme anderer zu äußern. Im Grunde also Rücksichtnahme zu üben und mit Taktgefühl die private Sphäre des Einzelnen zu respektieren. Niemand hat das Recht, die persönlichen Verhältnisse des Nächsten zu beurteilen, geschweige denn, sie zu verurteilen.

Ein Mensch, der in seinem Verhalten die Achtung vor der Würde seiner Mitmenschen zum Ausdruck bringt, der im menschlichen Miteinander Verständnis und Hilfsbereitschaft für den anderen zeigt, wird immer ein Mensch von „gutem Ruf“ sein.

Aber dieses Gut-Sein kann Fehlbarkeit nicht ausschließen. Der freie Mann von gutem Ruf hat zwei Begriffe zum Inhalt: Die Freiheit und die Moral. Von beiden wird viel geredet, aber wenig getan. Fest steht, dass die Freiheit nichts mit Ungebundensein zu tun hat, Moral ist nicht Sache von Leuten, die zwar die Moral ständig im Munde führen, oft aber nur zu ihrem Nutzen, meistens aber, um anderen Übles zu wollen. Hüten wir uns daher vor einem vorschnell gefällten Urteil.

Seien wir uns immer der Worte bewusst, die wir in der Bergpredigt lesen (Mt.7.1-3): „Richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet werdet; denn mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch zugemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge“?

Für den einmal gestrauchelten, dann aber sich ehrlich bemühenden Menschen, muß auch das Wort aus der Zauberflöte gelten: „Und ist ein Mensch gefallen, führt Liebe ihn zur Pflicht“. Wir kämen weiter im Zueinander, wenn wir uns immer dieser Worte bewusst wären.

Die Logen waren von jeher ein Hort freien Denkens in geschützten Räumen, in denen sich ein freiheitlicher Geist entwickelte und wo über die bewegenden Ideen der Zeiten offen diskutiert werden konnte. Diese Offenheit erfordert das Zusammenwirken aller Brüder, das Aufeinanderzugehen auch in einer für den Einzelnen schwierigen Situation, bedeutet Verständnis aufbringen für unterschiedliche Charaktereigenschaften des Anderen und – eigentlich selbstverständlich – Hilfsbereitschaft in Not.

Der „freie Mann von gutem Ruf“ wird mit Freude, Klugheit und Eifer in seiner Bauhütte arbeiten, nicht über gelegentliche Widerwärtigkeiten klagen, instinktiv wissen, was wichtig und was unwichtig ist. Für ihn bedeutet die Arbeit in und für seine Loge weder Bürde noch Last. Seinem Gelöbnis verpflichtet, wird er übertragene und übernommene Aufgaben nicht als Zumutung begreifen, sondern sie gewissenhaft, der Gemeinschaft zum Nutzen, ausführen. Seine Ansprüche an die Loge bewertet er auf der Grundlage dessen, was er selbst bereit ist in die Loge einzubringen.

Wir sehen uns als Männer von gutem Ruf. Daran wird sich – hoffentlich – im Grunde nichts ändern; nur sollten wir bewusst gewisse Abstriche vornehmen, denn gar so freie Männer sind wir nicht. Wir wissen, dass es den wirklich freien menschlichen Willen nicht gibt. Die persönliche Freiheit findet dort ihre Grenze, wo die Freiheit und die Rechte des anderen absichtlich oder unbedacht beeinträchtigt werden. Die Freiheit des Einzelnen ist in dem Augenblick zur Unfreiheit geworden, wo man ihn als Andersdenkenden nicht mehr akzeptiert, ihn einengt in seiner freien Meinung und ihm sein Recht beschneiden will.

Freiheit bedeutet: frei zu sein von etwas und frei zu sein für etwas, dies jedoch nicht ohne Bindung. Frei zu sein von Zwang, sowohl von außen, wie von innen. Frei zu sein dafür, das zu denken, zu sagen und zu tun, was ich für richtig erkenne, was meiner Überzeugung, was meinem Verständnis von Toleranz, Recht und Menschenwürde entspricht.
Nehmen wir uns auch die Freiheit, dem anderen zuzuhören – ihn bis zu Ende ausreden zu lassen. Bemühen wir uns aufrichtig, frei zu sein von Vorurteilen und somit frei zu werden für Einsichten und Erkenntnisse.

Der freie Mann von gutem Ruf vertritt also sämtliche Freiheit, die sich von Leidenschaften und verzerrten Urteilen freizuhalten weiß, die dem Mann in Selbsterkenntnis zur Selbstbestimmung führt und die es ihm ermöglicht, nach sittlichen Grundsätzen sein Handeln selbst frei zu regeln. Seine Freiheit gründet sich auf Erkenntnis und Wissen. Deshalb lehnt er jeden Dogmenzwang ab. Sein Begriff von Frei-Sein findet er in der Glaubens- und Gewissensfreiheit, die er für sich beansprucht und die er anderen gegenüber zu üben verpflichtet ist.

Der „freie Mann von gutem Ruf“ weiß um den hohen Wert der Freiheit in einer Gesellschaft, in der er verantwortlich denken und handeln kann und in der er die gar nicht so leichte Last seiner Verantwortung gerne trägt.

Ein Erbgut unseres Abendlandes ist die sokratische Idee des freien Menschen. Sokrates war frei, weil sein Geist nicht unterjocht werden konnte; er war frei, weil er wusste, dass man ihm nichts anhaben konnte. Und den Geist der kantischen Ethik erleben wir in den Worten, dass jeder Mensch frei ist: nicht weil er frei geboren wurde, sondern weil er mit einer Last geboren ist – mit der Last der Verantwortung für die Freiheit seiner Entscheidung. Im Geiste dieser Ethik wird der freie Mann von gutem Ruf immer den Mut haben, um sein Frei-Sein zu kämpfen und die Freiheit aller anderen zu achten und zu beschützen.

Grillparzer sagt es so: „Wer seine Schranken kennt, der ist der Freie, wer frei sich wähnt, ist seines Wahnes Knecht“!

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