Der Plan des Großen Baumeisters

Ich beginne mit einem Zitat: „Wenn wir jedoch eine vollständige Theorie entdeckten, dürfte sie nach einer gewissen Zeit in ihren Grundzügen für jedermann verständlich sein, nicht nur für eine Handvoll Spezialisten. Dann werden wir uns alle – Philosophen, Naturwissenschaftler und Laien – mit der Frage auseinandersetzen können, warum es uns und das Universum gibt. Wenn wir die Antwort auf diese Frage fänden, wäre das der endgültige Triumph der menschlichen Vernunft – denn dann würden wir Gottes Plan kennen.“ Dies ist der Schlusssatz Stephen Hawkings in seinem Buch Eine kurze Geschichte der Zeit.

Mit dem Begriff Gott meint der bedeutende englische Physiker und Mathematiker, das lässt sich aus dem Zusammenhang schließen, so etwas wie Urgrund des Seins, schöpferische Kraft des Universums. Dem freimaurerischen Gottesverständnis kommt dies sehr nahe, heißt es doch in der Verfassung unserer Großloge: Die Freimaurer „sehen im Weltenbau, in allem Lebendigen und im sittlichen Bewusstsein des Menschen ein göttliches Wirken voll Weisheit, Stärke und Schönheit. Dies alles verehren sie unter dem Sinnbild des Großen Baumeisters aller Welten.“

Die Frage: „Warum gibt es uns Menschen, warum gibt es das Universum, dessen Teil wir sind?“ ist uralt. Wir Menschen stellen uns diese Frage seit dem Zeitpunkt im Evolutionsgeschehen, an dem wir das Bewusstsein von unserem eigenen Ich erlangten, das Wort „Selbst“ denken konnten oder – um das Bild der Bibel zu benutzen – seitdem der erste Mensch den Apfel vom Baum der Erkenntnis gegessen hat.

Die ersten Antworten auf solche Fragen beriefen sich auf Götter und Geister, welche die Ereignisse und Naturerscheinungen lenkten und die auf sehr menschliche, unberechenbare Weise handelten. Diese Götter und Geister bewohnten die Natur – Flüsse und Berge, aber auch Himmelskörper wie Sonne und Mond. Sie mussten besänftigt und freundlich gestimmt werden, sollten die Felder fruchtbar sein und die Jahreszeiten ihren gewohnten Gang nehmen.

Im Laufe der Zeit bemerkten die Menschen dann gewisse Regelmäßigkeiten: Die Sonne ging immer im Osten auf und im Westen unter, ganz gleich, ob man dem Sonnengott geopfert hatte oder nicht. Sonne, Mond und Planeten folgten genau festgelegten Himmelsbahnen, die man exakt vorhersagen konnte. Die Sonne und der Mond mochten zwar Götter sein, dennoch gehorchten sie strengen Gesetzen, und zwar offenkundig ohne jede Ausnahme. Zunächst zeigten sich diese Regelmäßigkeiten und Gesetze also fast nur in der Astronomie, doch mit fortschreitender Entwicklung entdeckte der Mensch immer mehr Gesetzmäßigkeiten.

Nach und nach reifte in der Menschheit die Vorstellung, dies alles sei ohne einen göttlichen Plan nicht möglich. Notwendig sei ein Baumeister, dessen Macht und Können mit menschlichen Vorstellungen nicht fassbar ist. Bei Plato heißt Gott Demiurg, Weltbildner, dessen Bauplan aus zeitlosen und ewigen Ideen bestand. Die Gnostiker nannten Demiurg den vom höchsten Gott unterschiedenen Schöpfer der materiellen Welt und identifizierten ihn mit dem Gott der Juden. Im Talmud, Traktat Sabbat 114a, heißt es : „Wer sind die (in der Mischna, enthält den gesamten Gesetzesstoff der jüdischen Tradition, die sog. Schriftliche Lehre) erwähnten Baumeister? – Es sind die Gelehrten, weil sie sich mit dem Aufbau der Welt beschäftigen.“

Auch in der Bibel finden wir Hinweise auf einen solchen Baumeister. In der Epistel an die Hebräer; XI., 10, heißt es: „Denn er wartete auf eine Stadt, die einen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.“ Paulus schreibt im I. Brief an die Korinther: „Ich von Gottes Gnade habe den Grund gelegt als sein weiser Baumeister.“ Und vorher: „Ihr seid Gottes Ackerwerk und Gebäu.“ Hier finden wir die Ursprünge der freimaurerischen Vorstellung vom Allmächtigen oder Großen Baumeister aller Welten.

Später spricht Comenius (1590-1670, Theologe und Lehrer) wiederholt vom Baumeister, wenn er Gott meint. Die Bezeichnung finden wir häufig in den Schriften der Humanisten und in der Renaissance, z. B. bei Pico de Mirandola (1463-1494, Philosoph, Humanist): „Der höchste Baumeister der Welt“. Und im freimaurerischen Cook-Manuskript (etwa 1430-1450) heißt es: „Founder and former of heaven and earth and all things”.

Der Siegeszug der Naturwissenschaften, der vor vierhundert Jahren mit Kopernikus, Kepler, Isaac Newton begann, hat dazu geführt, dass heute zumindest eine Reihe von Wissenschaftlern annimmt, die Naturwissenschaft könne alles erklären. So wäre kein Raum für einen „göttlichen“ Baumeister. Aber selbst wenn man die Naturgesetze immer und ausnahmslos für gültig hält, also an übernatürliche Ereignisse, wie von den meisten Religionen gefordert, nicht glaubt, ist noch nicht klar, dass die Naturwissenschaft alles erklären kann, was im Universum abläuft. Es bleibt die alte Frage nach dem Ende der Erklärungskette.

Ein Beispiel: Die Erklärung einer bestimmten Erscheinung in der Physik setzt die Gültigkeit der Naturgesetze voraus. Nun kann man fragen, woher denn diese Gesetze kommen. Früher oder später werden wir dann etwas als gegeben annehmen müssen, ob es nun Gott ist oder eine Anzahl von Gesetzen oder eine andere Seinsgrundlage. „Letzte“ Fragen liegen somit immer hinter der Erfahrungswissenschaft. Lassen sich also die wirklich tiefen Seinsfragen überhaupt nicht beantworten? Wahrscheinlich wird es dem Menschen auch bei allem künftigen Zuwachs an Erkenntnis und Wissen unmöglich bleiben, der Sache „auf den Grund“ zu gehen. „Ein Geheimnis am Ende der Welt“ wird immer bleiben.

Ich muss mich nicht zu einer der großen Religionen bekennen, um der Überzeugung zu sein, dass das Weltall kein zweckfreier Zufall sein kann. Dazu ist das physikalische Universum einfach zu genial konstruiert. Da muss es eine tiefere oder auch „höhere“ Erklärungsebene geben. Ob man diese nun „Gott“ nennen will oder wie auch sonst, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Auch sind Geist und Verstand – also das Bewusstsein für diese Welt – keine zufällige Laune der Natur, sondern ein absolut grundlegender Teil der Wirklichkeit. Wir Menschen, davon bin ich überzeugt, gehören ganz wesentlich zum Plan der Dinge dazu.

Ich will versuchen, am Beispiel der Naturgesetze zu erklären, was mich in dieser Meinung bestärkt, auch und gerade vor dem Hintergrund neuester naturwissenschaftlicher Erkenntnisse.

Im Universum herrscht eine große Ordnung und nicht Chaos. Die Existenz von Regelmäßigkeiten in der Natur ist eine objektive mathematische Tatsache. Es gibt wohl definierte physikalische Gesetze und feste Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung. Auf diese Gesetze, die wir Naturgesetze nennen, ist Verlass. Sie enthalten wirkliche, objektive Wahrheiten über das Universum. Wir Menschen erfinden sie nicht, wir entdecken sie. Sie erklären uns nicht nur Bekanntes sondern auch Neues. Sie stellen die Verschlüsselung einer Botschaft dar, die letztlich aus den Zeichen 1 und O besteht, zu einer enormen Kette aneinandergereiht und Strukturen aufweisend. Dabei stellt das, was uns heute über physikalische Gesetze bekannt ist, sicher nur eine versuchsweise Näherung an eine „einzigartige“ Menge „wahrer“ Gesetze dar. Dennoch können wir erwarten, eines Tages die richtigen Gesetze kennen zu lernen, so jedenfalls der eingangs zitierte Stephen Hawking.

Wer schickte nun diese Botschaft? Wer erdachte den Code? Oder sind die Naturgesetze einfach da? Bei Plato war es der kosmische Baumeister, der Demiurg, der sich aber offensichtlich herausgehalten hat aus seiner Botschaft. Es gibt keinen Hinweis auf ihn.

Naturgesetze sind allgemeingültig, sie gelten überall im Kosmos und zu allen Zeiten. Sie sind absolut, d. h. sie hängen von nichts anderem ab, nicht von dem, der sie beobachtet und auch nicht von dem Zustand, in dem die Welt gerade ist. Ihre Zeitlosigkeit und Ewigkeit spiegelt sich in den mathematischen Strukturen, die zur Abbildung der physikalischen Welt verwendet werden. Schließlich kann man sagen, sie sind allmächtig und allwissend, weil ihnen nichts entgehen kann.

Wenn Gott, wie Einstein sagte, raffiniert ist, aber nicht bösartig, können wir davon ausgehen, dass wir in einer „berechenbaren“ Welt leben. An dieser Stelle will ich kurz auf die Rolle der Mathematik eingehen. Viele Menschen halten sie für eine abstrakte Welt, die kaum jemand versteht, für schwarze Kunst. Aber ohne die Mathematik ist es nicht möglich, die volle Bedeutung der Ordnung in der Natur zu erfassen, die so gründlich mit der physikalischen Wirklichkeit verwoben ist. Mathematik ist die Sprache der Natur. Galilei meinte, das Buch der Natur sei in der Sprache der Mathematik geschrieben, und der Astronom James Jeans schrieb einmal, Gott sei Mathematiker. Hier kommt die Überzeugung zum Ausdruck, dass sich die Grundordnung der Welt mathematisch formulieren lässt. Diese Überzeugung bildet den Kern aller Naturwissenschaft und wird praktisch von allen Naturwissenschaftlern geteilt.

Die Behauptung, die Mathematik sei der Schlüssel zu den Geheimnissen des Kosmos, ist so alt wie die Mathematik selbst. Für Pythagoras war „die Zahl das Maß aller Dinge“. Die Pythagoräer waren überzeugt, dass die kosmische Ordnung auf numerischen Beziehungen beruht. Der Glaube an die daraus entwickelte Zahlenmystik mag heute naiv und sonderbar erscheinen, der darin enthaltene wesentliche Gedanke hat sich bis ins wissenschaftliche Zeitalter erhalten. Kepler zum Beispiel hielt Gott für einen Geometer und ließ sich bei seiner wissenschaftlichen Arbeit noch von der mystische Bedeutung von Zahlen beeinflussen. In der modernen Physik fehlen sicher diese mystischen Obertöne, dennoch beruht auch sie immer noch auf der alten griechischen Annahme, dass das Universum nach mathematischen Grundsätzen rational geordnet ist.

Die Anwendung der Mathematik auf unsere Erfahrungen in der Physik hat uns immer mehr Gesetze erkennen lassen und unser Verständnis stetig erweitert. Wir verstehen die Welt immer besser. Und dennoch: Wahrscheinlich ist eine vernünftige Erklärung der Welt im Sinne eines geschlossenen und vollständigen Systems logischer Wahrheiten unmöglich. Wir Menschen scheinen vom letzten Wissen, von letzten Erklärungen mit Hilfe unserer Vernunft ausgeschlossen.

Wenn wir zu einem Wissen über die letzten Dinge gelangen wollen, müssen wir mit „Verstehen“ wahrscheinlich etwas anderes meinen als eine „vernünftige Erklärung“. Möglicherweise führt die Mystik zu einem solchen Verständnis. Vielleicht stellen mystische Erfahrungen den Weg dar, der uns über die Grenzen hinaus führen kann, an die uns Wissenschaft und Philosophie bringen. Vielleicht ist das der einzig mögliche Weg zum letzten Geheimnis. Aber wer niemals mystische Erfahrungen solcher Art gemacht hat – ich gehöre auch zu denen -, kann darüber nicht mehr sagen.

Doch einige Geheimnisse der Natur haben wir Menschen mit Hilfe der Naturwissenschaften erfassen können. Einen Teil des kosmischen Codes haben wir entschlüsselt. Warum dies möglich war, warum gerade der Mensch mit Vernunft ausgestattet ist, die Voraussetzung für unser bisheriges Wissen, ist ein tiefes Rätsel. Der amerikanische Mathematiker und Physiker Paul Davies drückt es so aus:

„Wir, die Kinder des Universums – belebter Sternenstaub – , können doch über eben dieses Universum nachdenken und sogar Einblick in die Regeln erhaschen, nach denen es abläuft. Wie wir mit dieser kosmischen Dimension verbunden wurden, ist ein Geheimnis. Aber die Verbindung lässt sich nicht leugnen.“

Wie wichtig ist aber der Mensch, dass er diese Gunst genießt? Es ist kaum vorstellbar, dass unsere Existenz in diesem Weltall eine Laune des Schicksals ist, ein historischer Zufall, ein kleines Versehen in dem großen kosmischen Geschehen. Wir sind zu sehr Teil des Ganzen. Die Spezies Mensch zählt vielleicht nicht, aber die Existenz von Geist und Verstand in einem Lebewesen auf einem Planeten im Weltall ist sicherlich eine höchst bedeutungsvolle Tatsache. Durch bewusste Wesen wurde im Universum Bewusstsein erzeugt. Dies kann keine triviale Einzelheit sein, kein unwichtiges Nebenprodukt sinnloser, zielloser Kräfte. „Wir sind dazu da, hier zu sein“, sagt Paul Davis.

Wenn wir also auch den ganzen Plan des Großen Baumeisters nicht kennen, so spricht doch alles dafür, dass es ihn gibt und dass wir Menschen darin einen Platz haben. Wir sind im Bauplan des Großen Baumeisters vorgesehen.

Den vollständigen Plan aber werden wir, auch dafür spricht alles, was wir wissen, wohl nie erkennen. Dieses Wissen wäre nur außerhalb der Welt, jenseits von Raum und Zeit zu finden. Dafür werden die Fähigkeiten des Menschen, der als Teil dieser Welt an diese Welt gebunden ist, nicht ausreichen, auch wenn seine evolutionäre Entwicklung weiter voranschreitet.

Wenn es um die Erklärung der „letzten Geheimnisse“ geht, um das, „was die Welt im Innersten zusammen hält“, wie Goethe´s Faust es ausdrückt, werden wir uns also auch weiterhin an Metaphysik und Religion halten müssen. Im ersten Fall mit dem Versuch, auf philosophischen Wege zur Erkenntnis des letzten Grundes und Zusammenhangs des realen Seins und damit aller Dinge zu gelangen. Im Zweiten mit dem Glauben, der uns eine Lösung schafft, die von Phantasie, Gemüt und auch Gewissen beeinflusst ist und sich häufig auf göttliche Offenbarung beruft. So finden wir dann Antworten auf das, was unsere Vernunft nicht erklären kann. „Zu wissen bekommen“ werden wir den Plan des Großen Baumeisters auf diese Weise nicht.

Ich habe zu Beginn meiner Zeichnung einen der bedeutendsten Naturwissenschaftler unserer Zeit, Stephen Hawking, zitiert, für den es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Mensch die „Weltformel“ gefunden hat. Schließen will ich mit Worten des griechischen Dichters, Sängers und Philosophen Xenophanes (nach einer Übersetzung von Karl Popper). Dieser lehrte schon etwa 100 Jahre vor Sokrates und 500 Jahre vor Christi Geburt, dass es zwar einen Fortschritt geben kann in unserer Wahrheitssuche:

„Nicht von Beginn an enthüllen die Götter den Sterblichen alles.
Aber im Laufe der Zeit finden wir, suchend, das Bess`re.“

Aber er fährt dann fort:

„Sichere Wahrheit erkannte kein Mensch und wird keiner erkennen
über die Götter und all die Dinge, von denen ich spreche.
Sollte einer auch einst die volle Wahrheit verkünden,
wissen könnt er das nicht: Es ist durchwebt von Vermutung.“

Ich denke, diese Worte werden auch in aller Zukunft ihre Gültigkeit behalten.

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