Das Wesen des Sterbens und des Todes

In dieser Zeichnung versuche ich, die verschiedenen Aspekte des Sterbens, unter Hilfenahme einschlägig bekannter Publikationen zu beleuchten.

Sterben und Tod sind Themen, die unsere heutige Gesellschaft mit ihrer abgöttischen Verehrung der Jugend verdrängt, wenn nicht sogar verleugnet hat, und doch fasziniert der Tod in irgendeiner Form jeden von uns, er ist eine Erfahrung, die wir mit allen Menschen teilen. Der Tod bleibt und ist ein Mysterium und ist doch eigentlich etwas sehr alltägliches. Es ist kein Zustand, sondern ein ständig ablaufender Prozess und ein Teil des Lebens, welches zum Tode unausweichlich hinführt. Er bringt einen begonnen Zyklus zu Ende und ist zugleich die Geburt von etwas Neuem.

Sterben gehört untrennbar zum Leben und es bleibt die Tatsache, dass das Ende aller irdischen Existenz unvermeidbar ist. Wir werden alle sterben. Es ist nur eine Frage der Zeit. Wir lassen etwas Altes und Vertrautes los und begeben uns in etwas Neues und scheinbar Unbekanntes. Der Tod als unser ständiger Begleiter. Bereits bei unserer Geburt ist er aktiv. Der Tod hängt untrennbar mit der Geburt zusammen. Er ist die andere Seite der gleichen Münze. Auf der einen Seite stirbt das Alte und auf der anderen Seite wird man in das Neue hinein geboren. Immer kommt etwas zum Abschluss und immer beginnt etwas Neues. Beziehungen entstehen und enden. Täglich sterben viele Körperzellen und werden durch neue ersetzt. Unsere Hautoberfläche besteht aus abgestorbenen Schuppen, außer den Augen sehen wir nichts Lebendiges.

Im Volksmund wird der Schlaf als der kleine Bruder des Todes genannt, weil er mit dem Tod stark verwandt ist, denn bis wir unseren Körper verlassen, sterben wir unzählige Tode. Aus diesem Blickwinkel ist es auch zu sehen, wenn der sogenannten Tod als Höhepunkt des Lebens bezeichnet wird. Er gehört zu unserer Orientierung im Leben.
Unsere westliche Kultur ist in dieser Hinsicht benachteiligt, da kein europäisches Totenbuch existiert, ist der Tod in der westlichen Welt ein tabuisiertes Thema und somit ein nicht existierender Teil unseres Lebens. Selbst die großen christlichen Religionen haben es verabsäumt, das Wesen des Todes uns Menschen näher zu bringen.

Sterben gehört noch ins Leben hinein, ist mit ihm verbunden und gestaltet sich angesichts der existentiellen Gefährdung oft als kritisch und bedrohend. Die Medizin definiert die letzte Phase des Lebens, ich zitiere, als einen Prozess des Zerfalls der Integrität, der Ganzheit und Einheit des Menschen mit dem Maßstab des Bewusstseins. Es beginnt mit dem akuten Stadium, der „Terminalphase“, in welchem der Sterbende zusehends an Ich-Qualität verliert und immer mehr Objekt wird, bis er es im Tod ganz ist.

Die Psychologie erkennt das Sterben als zielgerichtetes Tun des Betroffenen mit individuell unterschiedlicher Länge und Prägung. Diese sog. „letzte Tätigkeit“ beginnt mit dem Augenblick, wenn der Sterbende sich für eine nahe Frist darauf eingestellt hat.
Drei Dinge machen das Sterben für die meisten Menschen bitter: die Angst vor den Schmerzen, die Angst vor der letzten Einsamkeit und die Angst vor der Sinnlosigkeit. Die Ungewissheit über die kommenden Dinge sind die Quelle für diese Angst. Sterben ist in keiner Weise eine Nebensache oder eine Leichtigkeit. Menschen in dieser letzten Phase ihres Lebens müssen sich mit erheblichen Veränderungen ihrer selbst und ihrer Umwelt auseinandersetzen und stehen oft ganz neuen, existentiellen Fragen gegenüber.

Die Gegenwart des Todes wird uns bei vielen Gelegenheiten bewusst, besonders eindringlich an jedem Sterbebett. Das Wissen um die Endlichkeit unseres Lebens ist aber nicht nur bedrohlich, sondern sie hilft uns, den Dingen in unserem Leben die richtige Bedeutung zuzuordnen, erleichtert manche Entscheidung und kann letztlich auch trösten.

Unser Leben ist häufigen Veränderungen unterworfen, vor allem, wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Das Sterben als letzte Zeit unseres Lebens kann oft alles „auf den Kopf stellen“. Nichts ist mehr Gewohnheit oder Vertrautheit, denn dem Tod so intensiv entgegen zu leben bedeutet, eine ganz neue Sicht auf die irdischen Dinge zu erlangen, sich von alten Sachen zu trennen und unbekannte Wege zu betreten. Diese unabwendbaren Veränderungen sind an drei Faktoren erkennbar: an der Physis, an der Psyche und am sozialen Kontext des Sterbenden.

Für uns hat der Tod viele Gesichter und so gibt es zu diesem Thema auch die verschiedensten Gedanken und Gefühle. Für die einen von uns ist er ein Feind, den es zu bekämpfen und besiegen gilt, für andere ist er ein guter Freund und Helfer und für andere einfach eine Illusion. Heradot sagt: „Niemand kennt den Tod. Wir wissen auch nicht, ob er nicht doch unser größter Freund ist.“

Oft empfinden wir auch den Tod als Bedrohung. Aus unserer Sicht scheint er alles zu zerstören, was wir uns während unseres Lebens aufgebaut haben, und uns wird sehr schnell klar, dass wir nichts von unseren angesammelten Reichtümern mitnehmen können. Wir haben das Gefühl geliebte Menschen zu verlieren. Es scheint alles aus zu sein. Zumindest zwingt er uns alles Äußere zurück zu lassen und uns auf eine Reise in etwas (scheinbar) Unbekanntes zu begeben. Manche Menschen empfinden ihn auch als persönliche Niederlage und Demütigung.

Der Tod wird von uns daher entweder verdrängt oder mit allen Mitteln bis zum äußersten bekämpft. Viele von uns versuchen ihn zu verdrängen, indem sie alles aus ihrem Leben zu verbannen versuchen, was sie an den Tod erinnert, wieder andere flüchten sich in die Vorstellung: „Es sind immer nur die anderen, die es erwischt.“

Für viele Menschen wird der Tod als positiv gesehen. Für manche erscheint der Tod als eine Lebenshilfe. Für andere ist die Vorstellung, dass mit dem Tod alles zu Ende sein könnte oder wir dadurch in eine andere und bessere Welt kommen könnten, etwas sehr anziehendes. Dies kann sogar soweit gehen, dass er richtig herbei gesehnt wird, wobei der Todestrieb und die Todessehnsucht auf der Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Situation beruhen. Die Unzufriedenheit wird durch das häufig unbewusste Wissen um andere Formen des Lebens hervorgerufen.

Der Tod wird oft als Freund gesehen, der uns hilft unser Leben intensiv und bewusst zu leben. Er erinnert uns einfach an die Vergänglichkeit und wie wichtig es ist, die Dinge, die wir tun wollen, gleich zu tun. Dann können wir auch erfüllt und entspannt sterben ohne das Gefühl etwas versäumt zu haben. Diese Einstellung finden wir oft bei den Naturreligionen der Indianer, Mystiker und Weise der verschiedensten Kulturen.

„Der Sterbende ist vom Tod gezeichnet“, sagt der Volksmund. Wir wissen, dass diese Zeichnung sein Ende bedeutet, da sie markant und zweifellos sein physisches Befinden anzeigt. Mit dem Sterben setzt der, oft durch eine Krankheit hervorgerufene, körperliche Verfall ein. Alle Lebenskräfte entfliehen und es ist für den Betroffenen fast unmöglich, mit der Außenwelt noch zu kommunizieren.

Der Sterbende ist an sein Bett „gefesselt“. Seine ständigen Begleiter sind die lästigen Schmerzen, die Müdigkeit und Schwäche. Diese Anzeichen lassen uns Außenstehende oft erschrecken, sind sie doch das ganze Gegenteil von blühendem und pulsierendem Leben. Der Anblick des Sterbens erscheint aus dem Blickwinkel des Lebens so unwirklich, und doch gehört es dazu und rundet es ab. Die Begleiterscheinungen, wozu auch der physische Abbau gehört, müssen durchlebt und ertragen werden.
Wird ein Mensch mit seinem nahen Tod konfrontiert, findet das vermeintlich unbegrenzte Leben sein jähes Ende. Seine Psyche gerät aus dem Gleichgewicht. Ganz langsam wird der Betroffene beginnen, über sein Leben und den bevorstehenden Tod nachzudenken.

Diesen beschwerlichen Weg, zu dem oft wenig Zeit bleibt, hat Elisabeth Kübler-Ross, die Wegbereiterin in der Sterbebegleitung Amerikas und der westlichen Welt, über diese Krisenbewältigung in vielen Gesprächen mit Sterbenden studiert und die Auswirkungen auf den Sterbenden bzw. dessen Umgebung beschrieben.
In ihrem Phasenmodell, fasst sie diese Untersuchungen zu fünf charakteristischen Verhaltensweisen zusammen. Dabei ist unbedingt zu beachten, dass diese Abschnitte nicht streng chronologisch, sondern immer individuell unterschiedlich verlaufen, Stufen übersprungen, weggelassen oder nach einem „Rückfall“ mehrmals erlebt werden.
Sie beschreibt die:

  1. Phase der Verleugnung („Nein, nicht ich!“- Stufe):
  2. Phase der Auflehnung und Aggression („Warum ich!“- Stufe):
  3. Phase des Verhandelns („Ja, es trifft mich, aber…“- Stufe):
  4. Phase der Depression („Ja, ich!“- Stufe):
  5. Phase der Akzeptanz: Der Sterbende kann nun seinem Tod in vollem Maße zustimmen.

 

Wenn wir den Tod in der Entwicklungsgeschichte der Menschen betrachten, könne wir feststellen, dass die ersten Menschen sehr wohl schon einen Totenkult hatten.
In der Antike und im Mittelalter glaubte der Mensch noch an die Möglichkeit einer fleischlichen Auferstehung zur Rettung über den Tod hinaus.
Bereits im Mittelalter gab es eine Aufhebung des Bewusstseins zwischen Diesseits und Jenseits, denn die irdische Kirche verkörperte schon auf Erden das Reich Gottes.

Erst die Renaissance gab dem Menschen wieder ein uneingeschränktes Ja zum Diesseits. Im Lebensgefühl öffnete sich der Gedanke einer Unsterb­lichkeit im Hier und Jetzt. Die Vorstellung einer leiblichen Auferstehung entfernte sich immer mehr aus dem Bewusstsein der Menschen. Man entdeckte die Unsterb­lichkeit der Seele. Neue Erkenntnisse der Naturwissenschaften ließen jenseitige Ziele immer mehr in Vergessenheit geraten.
Im Lauf der Geschichte wurden die Menschen mit vielen Veränderungen, so auch der in der Lebenserwartung, konfrontiert.

Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein war der schnelle Tod als Folge einer kurzen Krankheit die Regel, das lange Leiden aber eher selten. Verbunden mit einer geringen Lebenserwartung mussten selbst Kinder und Jugendliche mit ihrem Tod rechnen, welcher zumeist durch Infektionen verursacht wurde. Die Furcht vor diesem oft überraschenden Tod war sehr groß.

In der Neuzeit müssen wir feststellen, dass immer mehr Menschen einsam aus dem Leben scheiden. Traditionelle Familienstrukturen, die jahrhundertlang ihre Gültigkeit hatten lösten sich auf. Immer weniger Menschen leben noch eingebettet in das soziale Gefüge eines Dorfes oder einer Nachbarschaft.
Mehr als 80 Prozent der Menschen sterben heute im Krankenhaus, fern von jeder vertrauten Gemeinschaft. Nach diesem anonymen Sterben folgt oft die anonyme Beerdigung.

In unserer Gegenwart gestaltet sich das Sterben als ein langer Weg durch eine unbekannte Welt. Die Furcht vor dem qualvollen Ableben in der Einsamkeit eines Krankenhauses löst die Furcht vor dem schnellen Tod ab.
Unsere moderne Gesellschaft muss wieder lernen, mit dem Sterben umzugehen, es zu akzeptieren als etwas natürliches und zum Leben dazugehörendes.
Das Ziel allen Handelns heißt dann, die Tatsachen des Lebens und Sterbens nicht mehr zu leugnen, sondern sie anzunehmen und mit ihnen in konstruktiver Weise zu leben.

Ich zitiere Worte unseres Bruders Wolfgang Amadeus Mozart:

„Da der Tod das Ziel unseres Lebens ist, so habe ich mich mit diesem wahren Freunde des Men­schen so bekannt gemacht, dass sein Bild nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern Beru­higendes und Tröstendes. Und ich danke meinem Gott, dass er mir das Glück gegönnt hat, ihn als Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit kennenzulernen. Ich lege mich nie zu Bette, ohne zu bedenken, dass ich vielleicht den anderen Tag nicht mehr sein werde, und es wird doch kein Mensch sagen können, dass ich im Umgang mürrisch und traurig wäre. Für die Glück­seligkeit danke ich alle Tage meinem Schöpfer“.

Meine Brüder, in der Trauerloge werden wir uns unserer Endlichkeit bewusst, sie erinnert uns an die Brüder, die nicht mehr in unserer Kette stehen, sondern uns voraus in den Ewigen Osten gegangen sind, aber im Zeitmaß der Ewigkeit sind sie fest mit uns verbunden, sind sie mit uns vereint. Daraus können wir Trost schöpfen, sie gibt uns Hoffnung und Zuversicht.
Wir alle tragen einen Anteil des Ewigen in uns, wie einen verborgenen Schatz. Mit den Worten von Johann Gottfried Herder schließe ich:

„Nichts geht jemals verloren. Alles Stoffliche wandelt sich nur. Wir dürfen es glau­ben, dass der Tod der Augenblick der Verwandlung in eine höhere Daseinsform ist.“
Nur wer in der Schöpfung die Ausprägung unendlicher Weisheit, sowie die planende Kraft des Ewigen erkennt, lernt jene Gelassenheit vor dem Tode, die der menschli­chen Existenz einen über das Leben hinausweisenden Sinn verleiht.“

 

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